Wie sieht die „Neue Normalität“ nach der Corona-Krise aus?

Dieser Text ist ein Auszug eines Interviews mit FOCUS Online (veröffentlicht am 08.06.2020). Manfred Tautscher ist Geschäftsführer des SINUS-Instituts.

Über Veränderungen in der Gesellschaft

FOCUS Online: Was meinen Sie mit neuer Normalität? Wird es beispielsweise in unserer Gesellschaft mehr Gemeinsinn geben als bisher?

Tautscher: Der Gemeinsinn wird sicherlich zunehmen. Und damit zusammenhängend die Regionalität. Das heißt etwa, dass man eher dem heimischen Kaufmann oder Handwerker helfen will als weit entfernten Unternehmen. Allerdings kann man den Begriff „Region“ subjektiv sehr unterschiedlich deuten. Wer kosmopolitisch ausgerichtet ist, für den wird damit vielleicht ganz Deutschland gemeint sein. Ein Angehöriger der bürgerlichen Mitte, zum Beispiel hier in Heidelberg, dürfte darunter die Stadt und ihre Umgebung verstehen.

Über Digitalisierung und Globalisierung

FOCUS Online: Die Zahl der Geschäftsreisen hat sich in der derzeitigen Situation ja ebenfalls reduziert. Generell findet Kommunikation nun oft per Video-Konferenz und nicht mehr in der persönlichen Begegnung statt. Erwarten Sie, dass die Digitalisierung – auch in anderen Bereichen – einen starken Schub erfahren wird?

Tautscher: Ganz ohne Zweifel. Ich denke, dass die Hyper-Globalisierung von einer Hyper-Digitalisierung abgelöst werden wird. Man erkennt gerade, was alles möglich ist und dass vieles sogar besser funktioniert als vorher. Video-Gespräche zum Beispiel sind inzwischen für die breite Mehrheit selbstverständlich, früher waren sie eher eine Sache von Nerds. Darüber hinaus dürfte sich die Art, wie wir einkaufen, verändern. Der Online-Handel wird noch wichtiger werden. Davon profitieren natürlich besonders Giganten wie Amazon. Aber auch kleine und mittlere Betriebe sind gezwungen, künftig digitaler zu werden. Generell wird die zunehmende Digitalisierung es ermöglichen, Zeit zu sparen und effizienter zu werden.

Über Gewinner und Verlierer der Corona-Krise

FOCUS Online: Wer wird denn Ihrer Ansicht nach in unserer Gesellschaft zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern der Krise gehören?

Tautscher: Das ist im Moment schwer zu sagen. Aber es entstehen sicherlich Chancen, die es vor Corona noch nicht gab. Die bürgerliche Mitte etwa könnte zu den Nutznießern der Krise zählen. Das Ansehen von Beschäftigten im Kranken- und Pflegebereich oder von Mitarbeitern im Supermarkt zum Beispiel hat deutlich zugenommen. Möglicherweise wird sich das künftig auch auf deren Einkommen auswirken. Auf der anderen Seite stehen bisherige Eliten wie Kreative und Kosmopoliten im Moment enorm unter Druck. Da könnte es eine Umorientierung geben, vielleicht werden sie nicht mehr die Eliten von morgen sein. Ob es allerdings wirklich so kommt, ist noch nicht entschieden. Bei diesen und anderen Entwicklungen wird in jedem Fall auch die Politik eine große Rolle spielen.

 

Im Interview spricht Manfred Tautscher auch über mögliche Spaltungen in der Gesellschaft aufgrund der Corona-Krise, Auswirkungen auf die politische Stimmung in Deutschland und zwischenmenschliche Beziehungen.

 

Wollen Sie mehr über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Gesellschaft wissen? Ihr Ansprechpartner ist Manfred Tautscher (Geschäftsführer, manfred.tautscher(at)sinus-institut.de)