Soziale Medien: Jugendliche wollen Schutz statt Verbote
Dieser Text ist eine Pressemitteilung von UNICEF vom 06.05.2025. Das SINUS-Institut führte die Studie durch.
Repräsentative Umfrage von UNICEF Deutschland unter 14- bis 16-Jährigen
In der Debatte über die Auswirkungen Sozialer Medien auf Kinder und Jugendliche werden immer wieder Verbote gefordert. Selten kommen dabei diejenigen zu Wort, um die es vorrangig geht: Kinder und Jugendliche selbst. Das Ergebnis einer repräsentativen Befragung von über 1.000 Jugendlichen im Alter von 14 bis 16 Jahren für UNICEF Deutschland zeigt: Jugendliche in Deutschland haben eine differenzierte Meinung zu Risiken und Nutzen der sozialen Medien. Sie lehnen Verbote für ihre Altersgruppe mehrheitlich als nicht sinnvoll ab – und fordern vor allem besseren Schutz auf den digitalen Plattformen.
„Die Umfrage macht deutlich: Jugendliche kennen die Risiken im digitalen Raum. Sie haben klare Vorstellungen davon, was helfen würde, diesen sicherer zu gestalten", sagt Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland. „Die Jugendlichen sagen uns: Verbote allein bringen gar nichts. Was sie brauchen und sich wünschen, ist ein digitaler Raum, der sicher und altersgerecht ist. Die Anbieter der Plattformen müssen Verantwortung übernehmen – mit automatischen Schutzeinstellungen, konsequenter Inhaltsmoderation und echten Schutzmechanismen. Politik und Plattformbetreiber müssen sichere digitale Umgebungen schaffen mit wirksamen, kindgerechten Standards, die das Recht junger Menschen auf Schutz und Teilhabe gleichermaßen sichern", so Schneider weiter.
Die wichtigsten Ergebnisse der durch das SINUS Institut für UNICEF durchgeführten Befragung im Überblick:
Jugendliche kennen die Risiken – und sehen dennoch die positiven Seiten
Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren haben ein differenziertes Bild der Nutzung sozialer Medien in ihrer Altersgruppe. Insgesamt sind 38 Prozent der Ansicht, dass die Vorteile überwiegen. Für 46 Prozent halten sich Vor- und Nachteile die Waage. 16 Prozent denken, dass soziale Medien überwiegend Nachteile haben.
Positiv betrachten die Befragten vor allem die soziale Verbindung: 82 Prozent nutzen soziale Medien, um mit Freundinnen und Freunden oder anderen ihnen wichtigen Menschen in Kontakt zu bleiben. 74 Prozent bekommen dort neue Ideen oder Inspiration. Gleichzeitig benennen die Jugendlichen klar, welche negativen Seiten sie bei sozialen Medien sehen: 74 Prozent verlieren auf den Plattformen häufig das Gefühl für die Zeit. Als größte Risiken nennen sie Mobbing, Hass und Beleidigungen (50 %), zu langes Scrollen, ohne aufhören zu können (44 %), sowie Falschinformationen und Fake News (42 %).
Die wahrgenommenen Risiken unterscheiden sich deutlich nach Geschlecht: 40 Prozent der Mädchen nennen Druck, wegen des Aussehens mithalten zu müssen, als Problem – bei Jungen sind es 19 Prozent. Jungen nehmen dafür Gewaltvideos häufiger (26 %) als Mädchen (18 %) als Gefahr wahr.
Verbote für unter 16-Jährige werden abgelehnt – für unter 14-Jährige aber befürwortet
Obwohl die Jugendlichen die Risiken sozialer Medien klar benennen, lehnen sie pauschale Verbote für ihre Altersgruppe mehrheitlich ab: Nur 26 Prozent halten ein Verbot sozialer Medien für unter 16-Jährige für sinnvoll. Anders sieht es mit Blick auf jüngere Kinder aus: Einer Altersgrenze für unter 14-Jährige stimmen 55 Prozent der befragten Jugendlichen zu.
Ein 16-Jähriger sagt: „Ich würde es eher nicht sinnvoll finden, Social Media für Kinder und Jugendliche zu verbieten, da wir auf diesen Plattformen unsere Kontakte pflegen und für uns persönlich wichtige Dinge tun. Sinnvoll fände ich, wenn nicht die Jugendlichen Verbote bekommen, sondern die Plattformen höhere Sicherheitsmaßnahmen haben würden. Auch das Checken und die Funktion von Blockierungen und Meldungen einzelner Nutzer bei Fehlverhalten sollte eher ausgearbeitet werden, als den Jugendlichen diesen Teil ihres Lebens so plötzlich zu entreißen.“
Entscheidend ist dabei: Verbote halten die Jugendlichen insgesamt für wenig wirksam. 88 Prozent finden es sehr wahrscheinlich oder eher wahrscheinlich, dass Jugendliche Wege finden würden, gesetzliche Altersgrenzen zu umgehen – etwa über geteilte Geräte oder den Wechsel zu weniger regulierten Plattformen. Nahezu niemand glaubt, dass eine Altersgrenze allein Jugendliche zuverlässig vom Zugang abhalten würde.
Eine 15-Jährige sagt: „Ich halte ein generelles Verbot für gewisse Altersgruppen für kontraproduktiv, da man das immer irgendwie umgehen kann. Also sollte man (…) lieber den vorhandenen Inhalt für gewisse Altersgruppen einschränken, da Social Media auch sehr viele wertvolle, lehrreiche und bildende Inhalte beinhaltet. (…)“
Jugendliche wünschen sich mehr Schutz
Die Befragten haben klare Vorstellungen davon, wie sie besser geschützt werden könnten. 42 Prozent sehen vor allem die Plattformen in der Verantwortung. 25 Prozent sagen, es sei eine gemeinsame Aufgabe – einschließlich der Jugendlichen selbst. Nur 15 Prozent sehen den Staat bzw. die Politik in erster Linie in der Verantwortung, 11 Prozent die Eltern.
Konkret sprechen sich 84 Prozent für bessere Inhaltsfilter und die schnelle Löschung ungeeigneter Inhalte aus. Standardmäßig aktivierte Schutzeinstellungen – wie private Profile und eingeschränkter Kontakt durch Fremde – befürworten 80 Prozent.
Ein 15-Jähriger sagt: „Ich fände es besser, wenn die Konten direkt privat wären und die Löschung von Konten einfacher wäre. Außerdem kennen sich viele Erwachsene schlechter aus als wir Jugendliche. Die Plattformen sollten viel aktiver werden, was Inhalte und Schutz angeht.“
Eine 14-Jährige sagt: „Ich finde es sinnvoll, wenn die Inhalte (also Videos und Fotos, welche gepostet werden) auf Social Media strenger kontrolliert werden, damit keine oder wenigstens weniger Fake News, Deep Fakes, Inhalte mit Gewalt, verstörende Inhalte, etc. gezeigt werden. Auch der Schutz für Jugendliche und Kinder soll besser werden, damit Fälle wie Cybermobbing und Cybergrooming nicht mehr vorkommen.“
Eine 15-jährige findet zum Beispiel Einschränkungen für übergriffige Erwachsene sinnvoll: „Ich fände es wichtig, dass Jugendliche im Umgang mit Social Media unterstützt und nicht verurteilt werden. Außerdem sollten Leute, die sich auf Social Media übergriffig verhalten, dauerhaft keinen Zugang mehr haben, also zum Beispiel Erwachsene, die Minderjährige sexuell anschreiben.“
Von Erwachsenen wünschen sich die Jugendlichen deutlich mehr Verständnis: 54 Prozent finden es sehr hilfreich, wenn Erwachsene bei Problemen zuhören, statt gleich zu schimpfen. 51 Prozent wünschen sich, dass Mobbing und andere Probleme im Netz wirklich ernst genommen werden. Unterstützung ist dabei ausdrücklich erwünscht – Kontrolle hingegen weniger: Nur 20 Prozent finden es sehr hilfreich, wenn Erwachsene stärker darauf achten, wie viel Zeit Jugendliche auf Social Media verbringen.
UNICEF Deutschland empfiehlt:
Kinder und Jugendliche als Expertinnen und Experten ihrer eigenen Lebenswelt einbeziehen: Kinder und Jugendliche kennen ihre digitale Lebenswelt aus erster Hand. Ihre Perspektiven und Erfahrungen sollten systematisch in politische Entscheidungsprozesse und regulatorische Vorhaben einfließen.
Medienbildung- und Kompetenz stärken: Medienbildung sollte verbindlich und fächerübergreifend in allen Bildungseinrichtungen verankert werden – unterstützt durch moderne Lernumgebungen sowie gezielte Qualifizierungsangebote für pädagogisches Personal und Bezugspersonen. Nur wer selbst sicher im digitalen Raum navigieren kann, ist in der Lage, Kinder und Jugendliche angemessen zu begleiten.
Technologieunternehmen in die Verantwortung nehmen: Sicherheit für Kinder sollte von Beginn an in die Produktentwicklung einfließen – nach den Prinzipien von Safety by Design und Privacy by Design. Dazu gehören wirksame Inhaltsfilter, die schnelle Entfernung schädlicher Inhalte sowie standardmäßig aktivierte Schutzeinstellungen.
Schutzmaßnahmen ausgewogen und umfassend gestalten: Altersbeschränkungen können ein sinnvoller Baustein sein – müssen aber durch technische Schutzmaßnahmen wie zum Beispiel Jugendschutzfilter, Werbe- und Standortbegrenzung, sichere Kontakte sowie niedrigschwellige Melde- und Notfallwege ergänzt werden.
Prävention stärken und verlässliche Unterstützungsstrukturen ausbauen: Kinder und Jugendliche, die online Gewalt, Mobbing, sexualisierte Gewalt oder Desinformation erleben, brauchen verlässliche Anlaufstellen. Verbindliche Hilfs- und Unterstützungsangebote zu Online-Risiken sollten geschaffen und ausgebaut werden sowie mit Offline-Strukturen verknüpft werden: in der Sozialarbeit, der Kinder- und Jugendhilfe sowie im Bereich der mentalen Gesundheitsversorgung.
Über UNICEF
UNICEF wurde vor 80 Jahren gegründet, um Kindern im vom Zweiten Weltkrieg zerstörten Europa zu helfen. UNICEF setzt sich heute weltweit – auch in Deutschland – für die Umsetzung der Rechte aller Kinder ein. In Deutschland sind rund 7.000 ehrenamtliche Erwachsene und Jugendliche für UNICEF aktiv. Mit Initiativen wie dem Programm Kinderrechteschulen und dem Einsatz für mehr Kinderfreundlichkeit in den Kommunen sowie mit seiner politischen Arbeit trägt UNICEF Deutschland auch hierzulande zu einem besseren Verständnis der Rechte und der Belange von Kindern bei.
In Deutschland setzt sich UNICEF Deutschland auf politischer Ebene für sichere digitale Umgebungen für alle Kinder ein. Im Februar 2026 hat UNICEF Deutschland eine ausführliche Stellungnahme an die von der Bundesregierung eingesetzte „Unabhängige Expertenkommission Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt" übermittelt. Ziel der Kommission ist, eine Strategie mit konkreten Handlungsempfehlungen für Bund, Länder und Zivilgesellschaft zu entwickeln. Die Position von UNICEF Deutschland zum digitalen Kinderschutz finden Sie kompakt zusammengefasst im Policy Paper „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt".
Die Umfrage finden Sie hier.
Über die Befragung für UNICEF Deutschland
Die Befragung wurde beim SINUS-Institut in Auftrag gegeben und fand vom 2.4. bis 14.4.2026 statt. Insgesamt wurden 1.072 Jugendliche online befragt. Die Stichprobe wurde für die Befragung nach Geschlecht und Region (Ost/West) quotiert. Die Ergebnisse sind repräsentativ für diese Gruppe der Jugendlichen.
Über UNICEF
UNICEF wurde vor 80 Jahren gegründet, um Kindern im vom Zweiten Weltkrieg zerstörten Europa zu helfen. UNICEF setzt sich heute weltweit – auch in Deutschland – für die Umsetzung der Rechte aller Kinder ein. In Deutschland sind rund 7.000 ehrenamtliche Erwachsene und Jugendliche für UNICEF aktiv. Mit Initiativen wie dem Programm Kinderrechteschulen und dem Einsatz für mehr Kinderfreundlichkeit in den Kommunen sowie mit seiner politischen Arbeit trägt UNICEF Deutschland auch hierzulande zu einem besseren Verständnis der Rechte und der Belange von Kindern bei.
In Deutschland setzt sich UNICEF Deutschland auf politischer Ebene für sichere digitale Umgebungen für alle Kinder ein. Im Februar 2026 hat UNICEF Deutschland eine ausführliche Stellungnahme an die von der Bundesregierung eingesetzte „Unabhängige Expertenkommission Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt" übermittelt. Ziel der Kommission ist, eine Strategie mit konkreten Handlungsempfehlungen für Bund, Länder und Zivilgesellschaft zu entwickeln. Die Position von UNICEF Deutschland zum digitalen Kinderschutz finden Sie kompakt zusammengefasst im Policy Paper „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt".