Junges Engagement in Deutschland: Das Ringen zwischen Aufbruch und Nostalgie
Dieser Text ist eine Pressemitteilung der Allianz Foundation vom 27.01.2026. Das SINUS-Institut führte die Studie durch.
5-Länder-Studie der Allianz Foundation zum Engagement der „Next Generations“
Junge Menschen in Deutschland drängen auf den Wandel: Knapp zwei Drittel fordern von der Politik mutige Schritte für ein nachhaltiges Deutschland von morgen – mit einem neuen Verständnis von Wohlstand, das über reines Wirtschaftswachstum hinausgeht. Sie verknüpfen diesen Wunsch mit einem klaren Bekenntnis zur Demokratie und engagieren sich bereits heute aktiv für eine bessere Zukunft. Gleichzeitig herrscht Frust: Knapp 40 Prozent der jungen Menschen fühlen sich politisch benachteiligt. 28 Prozent sehen die Lösung in einem vermeintlich besseren „Gestern“ – in einem Deutschland mit weniger Zuwanderung, traditionellen Geschlechterrollen und einer Gesellschaft, die sich weniger mit den dunklen Kapiteln der deutschen Geschichte auseinandersetzt.
Zu diesem Ergebnis kommt die zweite europäische Engagementstudie der Allianz Foundation, für die im Sommer 2025 gemeinsam mit dem Sinus-Institut mehr als 8.500 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 39 Jahren in Deutschland, Frankreich, Italien, Polen und Spanien repräsentativ zu ihren Zukunftsvorstellungen, ihren politischen Haltungen und ihrem Engagement befragt wurden. In den fünf Ländern leben 65 Prozent aller jungen Menschen in der EU.
Grünes Licht für die Transformation
Der Blick auf Deutschland zeigt: Die rund 23 Millionen Jugendlichen und jungen Erwachsenen hierzulande wollen die Zukunft nicht nur mitgestalten, sie tun es auch. Fast alle von ihnen (97 %) bringen sich bereits in irgendeiner Form individuell ein, etwa durch Wählen, bewussten Konsum, Spenden oder das Unterzeichnen von Online-Petitionen. 43 Prozent gehen einen Schritt weiter und organisieren sich gemeinsam mit Gleichgesinnten – in Initiativen, bei Demonstrationen oder auf politischen Veranstaltungen. Diese besonders engagierten jungen Menschen sind in ihren Einstellungen keineswegs homogen: 13 Prozent verorten sich linksprogressiv, 17 Prozent in der politischen Mitte und 13 Prozent rechtskonservativ bis regressiv.
Dennoch: Bei großen wirtschafts- und klimapolitischen Zukunftsfragen tritt ein gemeinsamer Nenner hervor. Engagierte junge Menschen sind sich über alle politischen Lager hinweg einig: Das traditionelle Wachstumsmodell gilt bei 64 Prozent als überholt. Gefragt ist stattdessen eine Politik, die Wohlstand entschieden breiter denkt – nicht bloß stellvertretend für gute Verdienstmöglichkeiten, sondern als ein Zusammenspiel von materieller Sicherheit, fairen Bildungschancen, verlässlicher Gesundheitsversorgung sowie mehr Möglichkeiten zur politischen Mitsprache. Eine ähnlich hohe Zustimmung zeigt sich Eine ähnlich hohe Zustimmung zeigt sich sowohl bei engagierten als auch bei weniger engagierten jungen Menschen.
„Spannend ist, dass diese Zukunftsvision nicht nur in der Mitte, sondern auch auf der linken und der rechten Seite des politischen Spektrums klar sichtbar ist. Und das obwohl 59 Prozent glauben, dass sich die politischen Lager unversöhnlich gegenüberstehen. Gestritten wird also weniger über das Ziel, sondern über den Weg dorthin – und das mitunter heftig,“ sagt Christian Humborg, Vorstand der Allianz Foundation.
Ein Streitpunkt ist die richtige Balance zwischen privatwirtschaftlicher Initiative, staatlichen Eingriffen und individueller Verantwortung. Das wird mitunter dort sichtbar, wo es um Zukunftstechnologien geht: Beim Thema Künstliche Intelligenz etwa, wo sich bislang keine klaren Mehrheiten abzeichnen – weder für eine strenge Regulierung noch für weitgehende Freiheit. 36 Prozent der jungen Menschen sprechen sich für strengere Regeln aus, während 38 Prozent einen freien Einsatz bevorzugen. 26 Prozent bleiben unentschieden – all das unabhängig von der politischen Couleur.
Backlash als Risiko für die Demokratie
Im Ringen um das „Wie“ gesellschaftlicher Transformation schwingt eine besonders kontroverse Frage stets mit: Wer soll letztlich von ihr profitieren? 28 Prozent der jungen Menschen hierzulande sehen die Antwort in einer regressiven Politik, die weniger Rücksicht nimmt auf Zugewanderte und andere Minderheiten und die traditionellen Geschlechterrollen stärkt.
Die Studie misst diese Tendenzen mit dem eigens entwickelten, wissenschaftlich fundierten Backlash-Barometer. Backlash wird dabei als eine politische Strategie definiert, die Nostalgie einsetzt, um einen vermeintlich besseren früheren Gesellschaftszustand wiederherzustellen – selbst, wenn dafür Hass und Gewalt zum Einsatz kommen. Das Barometer zeigt: Zwar lehnt die Mehrheit der jungen Menschen radikale oder gewaltsame Aktionen ab, doch ganze 10 Prozent befürworten offen und ausnahmslos Hass im Netz, illegale Protestaktionen und sogar Gewalt gegen Menschen in politischen Ämtern. Zählt man jene hinzu, die diesen Aktionen zumindest in Teilen zustimmen, steigt der Anteil auf 21 Prozent. Besonders hoch ist die Zustimmung unter jungen Menschen im rechten Spektrum.
„Besonders alarmierend ist, dass dieser Teil der jungen Menschen die Errungenschaften unserer Demokratie infrage stellt“, sagt Simon Morris-Lange, Studienleiter der Allianz Foundation. „Ihre Missachtung einer respektvollen Debattenkultur, ihr Hass auf Andersdenkende und ihr Zuspruch für politische Gewalt sind ein Nährboden für radikale Backlash-Bewegungen, die die Spaltung der Gesellschaft befeuern.“
Europäischer Vergleich: Starkes Polarisierungsgefühl in Deutschland
Das hierzulande festgestellte Backlash-Risiko ist keine Ausnahmeerscheinung. Der europäische Vergleich zeigt: Die hiesige Sehnsucht nach einem „Gestern“ (28 %) und die Billigung radikaler politischer Mittel (10 %) entspricht nahezu exakt dem Fünfländerdurchschnitt – liegt jedoch deutlich über dem Niveau in Italien (17 % bzw. 5 %) und unter dem in Frankreich, wo 34 Prozent einen regressiven Wandel unterstützen und 17 Prozent Hass und politischer Gewalt offen gegenüberstehen.
Auffällig ist Deutschlands starkes Polarisierungsgefühl unter jungen Menschen: 59 Prozent erleben ihre Generation als gespalten – genau wie in Frankreich (59 %), aber deutlich häufiger als in Italien (44 %). Dies könnte mit dem hierzulande hohen Engagement an den politischen Rändern zusammenhängen: Deutschland ist das einzige der fünf Länder, in dem junge Menschen mit rechtskonservativen oder regressiven Einstellungen häufiger im Kollektiv aktiv sind als passiv bleiben. Demgegenüber stellt die Gruppe der besonders engagierten Linken in Deutschland mit 13 Prozent aller jungen Menschen den zweithöchsten Anteil – direkt nach Spanien (14 %).
Trotz aller Spannungen gilt für alle fünf Länder: Junge Menschen verbindet letztlich mehr, als sie trennt. Zwischen 63 Prozent in Frankreich und 68 Prozent in Italien sprechen sich für ein neues Wohlstandsmodell aus. Im Durchschnitt blicken 52 Prozent der jungen Menschen in den fünf Ländern optimistisch oder sehr optimistisch auf die gemeinsame Zukunft Europas.
Über die Studienreihe
Die regelmäßig erscheinende Allianz Foundation Next Generations Study untersucht, wie das junge Europa die Zukunft sieht und aktiv mitgestaltet. Grundlage ist eine repräsentative Befragung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in ausgewählten europäischen Ländern. Ziel der Studienreihe ist es, Politik und Zivilgesellschaft fundierte und handlungsrelevante Einblicke in die Zukunftsvorstellungen, Werte und das politische Engagement der jungen Generation zu geben.
Über das Backlash-Barometer
Die Studie stützt sich auf ein eigens erarbeitetes Backlash-Barometer. Entwickelt von der Allianz Foundation und dem Sinus-Institut in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin sowie unter methodischer Beratung des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften (GESIS), kommt das Barometer in der Studie erstmals als eine Art „politisches Frühwarnsystem“ zum Einsatz. Das Barometer eröffnet tiefe Einblicke in die politische Gedankenwelt junger Menschen und liefert wertvolle Zusatzinformationen zur klassischen Wahlanalyse.
Über die Allianz Foundation
Die Allianz Foundation unterstützt Menschen und Organisationen, die voranschreiten im Einsatz für offene, resiliente und klimagerechte Gesellschaften. Die Stiftung ist operativ und fördernd tätig und unterstützt in Europa und im Mittelmeerraum Projekte aus den Bereichen Zivilgesellschaft, Umwelt, Kunst und Kultur. Die Mission: Bessere Lebensbedingungen für die kommenden Generationen zu ermöglichen.
Pressekontakt
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