Sexualität und Migration

In einer Studie für die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) untersuchte das SINUS-Institut die Lebenswelten minderjähriger Geflüchteter und ihre Einstellung zu Sexualität und Familienplanung.

Hintergrund und Zielsetzung: Schwer zu erreichende Zielgruppen mit hohem Informationsbedarf ansprechen

Die BZgA hat den gesetzlichen Auftrag, für unterschiedliche Zielgruppen Konzepte zur Sexualaufklärung zu entwickeln. Um diesen Auftrag erfüllen zu können, müssen neben der Bereitstellung wissenschaftlich abgesicherter Informationsmaterialien auch Strategien zur Ansprache von Zielgruppen entwickelt werden. Eine besondere Herausforderung für die Entwicklung von Ansprachestrategien sind Zielgruppen, die zum einen schwer erreichbar sind, zum anderen aber einen hohen Informationsbedarf haben. Insbesondere Jugendliche mit Fluchterfahrung gehören zu dieser Zielgruppe. Um auch diese Jugendlichen angemessen mit Informationsangeboten zu versorgen, wird mehr Wissen über ihre Lebenswelten, ihre Einstellungen, Normen, Werte und Verhaltensabsichten dringend benötigt.

Studiendesign: 80 Tiefeninterviews mit minderjährigen Geflüchteten

Um dieses Wissen zu generieren, sind zwischen August 2017 und Februar 2018 80 eineinhalbstündige leitfadengestützte qualitative Einzelexplorationen mit weiblichen und männlichen Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren durchgeführt worden, die zwischen 2015 und 2017 aus Syrien, Afghanistan, dem Irak oder Eritrea nach Deutschland geflüchtet sind. Die Themen des Leitfadens umfassten die Aspekte Alltag, Freizeit und Interessen, Vergemeinschaftung und Freunde, kulturelle Orientierung, Identität, Religion, Migration, Zukunft, berufliche Orientierung und Kompetenzen, Rollenbilder, Familienplanung & Sexualität sowie „was im Leben wichtig ist“. Diese Jugendlichen haben zusätzlich vor dem Interview ein „Hausaufgabenheft“ zum Thema „So bin ich, das mag ich“ ausgefüllt und mit einer Einwegkamera einige für sie bedeutsame Eindrücke / Bilder aus ihrem Alltag festgehalten.

Das Forschungskonzept setzte besondere Qualifikationen der Interviewer*innen voraus, die daher entsprechend geschult und eingewiesen wurden. Zudem waren Fähigkeit zur kulturellen Umsetzung des Themenkatalogs und ein kulturelles Einfühlungsvermögen zentrale Auswahlkriterien bei der Rekrutierung dieser Interviewer*innen, d.h. es wurde nur mit Interviewer*innen gearbeitet, die den gleichen Migrationshintergrund wie die von ihnen interviewten Jugendlichen hatten.

Befragungsorte waren, neben Berlin und Bremen, 24 Städte und Gemeinden in Baden-Württemberg, Brandenburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein.

Vielfältige Herausforderungen bei der Rekrutierung

Es war Anspruch der Studie, einen möglichst authentischen Einblick in das Spektrum der Lebenswelten minderjähriger Geflüchteter zu bekommen. Im Verlauf der Feldphase ergaben sich dabei mannigfaltige und unvorhersehbare Herausforderungen wie z.B. Kommunikation über mehrere zwischengeschaltete Instanzen, Nicht-Erreichbarkeit nach dem Erstkontakt oder nicht auszuräumende Vorbehalte der Eltern der teilnehmenden Jugendlichen.

Veröffentlichung im Herbst 2019

Die Studie wird voraussichtlich im Herbst 2019 veröffentlicht. Damit stehen Befunde zu Informationsbedarfen und sexualpädagogischen Zugangswegen auf der Basis von unmittelbarem Kontakt mit der Zielgruppe zur Verfügung. Da diese Informationen dringend benötigt werden, ist der hohe Aufwand bei der Rekrutierung der 14 – 17jährigen mit Fluchterfahrung gerechtfertigt.

Die vollständige Projektskizze finden Sie in der Fachpublikation „BZgA FORUM - Sexualaufklärung und Familienplanung“ (Ausgabe 1/2018 „Kontext: Flucht“, S.28-30).

Wollen Sie mehr über die Studie wissen? Ihre Ansprechpartnerin ist Heide Möller-Slawinski (Senior Research & Consulting, heide.moeller-slawinski(at)sinus-institut.de